buen vivir - Europas Chancen für Wandel in Lateinamerika nutzen

2020-06-26 13:10

Unterwegs zu einer neuen Aufmerksamkeit. "Jeder Einzelne sollte im ersten Schritt versuchen, die beste Version von sich selbst zu sein."

Die aktuell in Lateinamerika völlig aus dem Ruder laufende Corona-Krise zeigt nicht nur die Fehlkonstruktion des dortigen Polit- und Wirtschaftssystems auf, sie ist zugleich als Weckruf an Europa zu verstehen, Ansätze einer nachhaltigen Entwicklung der Region zu fördern: Das haben am Mittwochabend Kirchenvertreter aus Brasilien, Guatemala und Bolivien bei einem gemeinsamen Webinar der Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission (KOO) und der Ordensgemeinschaften unter dem Titel "Globale Krise - Globale Kirche" deutlich gemacht. An die 40 Fachleute aus Österreich und Lateinamerika nahmen am zweiten Part der Pandemie-bedingten Ersatzveranstaltung zur traditionellen "weltkirche.tagung" teil.

Die Initiativen des "Wandels" seien auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Dass kürzlich eine Gruppe europäischer Wirtschaftstreibender gedroht habe, sie werde den Handel mit Brasilien einstellen, sofern dessen Regierung den Amazonas-Regenwald weiter zerstört, sei ein äußerst wirksamer Schritt. Doch auch die Kirche als "Verteidigerin des Lebens gegenüber der Logik des Todes" habe Wertvolles zu bieten - durch Vernetzung, Stärkung der Gemeinschaft, inhaltliche Impulse wie die Papst-Enzyklika "Laudato si" und die Amazoniensynode oder Solidaritätszeichen. Dass die österreichischen Bischöfe in der Vorwoche öffentlich Kritik an der politischen Führung Brasiliens für deren "Blindheit" übten, bezeichnete Moema Miranda ausdrücklich als bedeutende Unterstützung für den Einsatz der brasilianischen Ortskirche hervor.

Auch die Konsumenten der Industrieländer nahm die Sozialexpertin in die Pflicht: "Dem 'America first' muss entgegengehalten werden, dass wir mit dem Lebensstil der USA nicht alle in der Welt Platz haben", mahnte sie und rief zu einer "kulturellen Revolution" auf: "Ich muss wissen, woher das Produkt kommt, das ich kaufe, oder dass ich mich mitverantwortlich für die Amazonas-Abholzung mache, wenn ich Fleisch esse." Eine "neue Aufmerksamkeit" sei vonnöten, mit Wertschätzung besonders für die indigenen Kulturen und deren Wissen um Verbundenheit allen Lebens. "Jeder Einzelne sollte im ersten Schritt versuchen, die beste Version von sich selbst zu sein", so Miranda.

Weitere Perspektiven auf die aktuelle Corona-Krise lieferte bei dem Webinar u.a. Shyeny Vasques als Vertreterin der katholischen Basisgemeinden in Guatemala.
Sie sähe es vor allem als Chance kleiner christlicher Gemeinschaften, Lösungsansätze für die schwere Krise im Sinne des Konzepts des "buen vivir" (gutes Leben aller) zu finden und zur Umsetzung zu bringen, sagte Vasques. Da diese Gruppen selbst weder wohlhabend seien noch Förderungen bekämen, setze man in Guatemala auf Initiativen wie Gemeinschafts- und Familiengärten oder kleine Hühnerprojekte, versuche angesichts von Ärztemangel und Medikamentenengpässen die "Medizin unserer Vorfahren" für heute wieder neu zu entdecken und arbeite hin auf verstärkte Vernetzung und Kommunikation der Gruppen untereinander.

Text: www.kathpress.at

Bild: SSpS Bolivien

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