Miteinander leben – voneinander lernen

2020-05-04 13:17

Sr. Christina Blätterbinder berichtet von ihrer Arbeit beim slw Innsbruck.

Sr. Christina Blätterbinder von den Steyler Missionsschwestern, Dienerinnen des Heiligen Geistes lebt gemeinsam mit vier Mitschwestern aus drei verschiedenen Ländern seit 2016 in deren Gemeinschaft in Innsbruck. Neben Aufgaben innerhalb der Ordensgemeinschaft, z.B. als Verantwortliche für unseren Steyler Freiwilligendienst „Missionarin auf Zeit“ (MaZ), möchte sie heute von ihrer Arbeit „über den Steyler Dunstkreis hinaus“ erzählen, die sie herausfordert ihre Kreise zu weiten und sich auf Neues einzulassen, was sie als sehr bereichernd empfindet:

Seit mittlerweile fast vier Jahren arbeite ich als Pastoralassistentin im slw Innsbruck, einer Einrichtung der „slw Sozialen Dienste der Kapuziner“.

(für mehr Informationen: www.slw.at)

Die Abkürzung slw bedeutet ursprünglich: Seraphisches Liebeswerk. Die Organisation wurde 1889 vom Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich im deutschen Koblenz gegründet und ist seit 1908 in Tirol tätig. In den letzten Jahren haben den Begriff „Seraphisches Liebeswerk“ immer weniger Menschen verstanden. Daher haben sich die Verantwortlichen 2012 dazu entschlossen, den Begriff in eine zeitgemäße Sprache als „Soziale Dienste der Kapuziner“ zu übersetzen. Das Kürzel slw wurde jedoch beibehalten, als Erinnerung an die eigene Herkunft.

Meine Arbeitsstätte ist eine in jeder Hinsicht mobile Einrichtung für erwachsene Menschen mit Unterstützungsbedarf. Im Haus in der Innsbrucker Elisabethstraße leben derzeit 36 Menschen. Und weil der Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf oft nicht einfach ist, nützen etwa 70 Klientinnen und Klienten wochentags die sogenannte Tagesstruktur: Dies ist eine Möglichkeit, angepasst an die individuellen Bedürfnisse und Stärken mit fachlich qualifizierten Assistentinnen und Assistenten tätig zu sein.

Für 20 Stunden die Woche bin ich im Haus tätig. In unserem rein weiblichen Pastoralteam herrscht in der Zusammenarbeit mit der Ordensgemeinschaft der Kapuziner eine gute Stimmung und wir genießen es sehr, voneinander zu lernen.

Dieses „Voneinander Lernen“ schließt für mich ganz wesentlich die Klientinnen und Klienten ein, die im Haus leben und arbeiten. Ich habe bereits viel von ihnen lernen dürfen und tue es noch immer.

Den Leuten vor Ort „mein Ohr zu leihen“, Interesse zu zeigen und ihnen Möglichkeiten zum Gespräch zu bieten, ist einer meiner wichtigsten Aufgaben im Haus.

„Tür und Angel-Gespräche“, längere Gespräche in den einzelnen Wohngruppen, im Garten, in der Kapelle oder in der Eingangshalle haben mir schon oft gezeigt, wie sehr ich selbst im Leben immer auf dem Weg bin und Lernende bleibe. Denn zu meinen prägendsten Lernerfahrungen hier gehört, dass ein Mensch auch mit hohem Unterstützungsbedarf einem anderen etwas lehren und damit neue Erkenntnisse schenken kann. In tiefer Dankbarkeit für Alltägliches, für Atmen, Gehen, Sprechen, die Gabel allein halten und das Handy bedienen können, habe ich bereits Erfahrungen gesammelt, die ich nicht mehr missen möchte und die mir auch für mein Gebetsleben oft positive Impulse geben.

Eine weitere Lektion ist für mich, dass die menschliche Lebensfreude vor keiner Einschränkung Halt macht. Wir feiern bei uns im Haus jeden Donnerstag so eindrückliche und auch recht lautstarke Gottesdienste, dass so manche Pfarrgemeinde ob der lebendigen Atmosphäre in unserer Kapelle beinahe neidisch werden könnte.

Natürlich führe ich auch ernste Gespräche, in denen es um Leiderfahrungen, Tod, Schmerz und Sorgen geht. Aber im Einklang mit einem unserer Leitsätze „Ich werde die dunklen Seiten annehmen“, schaffen wir es meistens, einen Bogen zu spannen zum Guten, Schönen und Lebenswerten, das es trotz aller Schwierigkeiten immer gibt und das es zu sehen gilt.

Und wenn der Mund nicht sprechen, die Worte nicht formen kann, dann spricht das Herz, dann sprechen ein Händedruck und ein Lachen aus den Augen.

Ich erfahre in meiner Arbeit die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens. Niemand kann ausschließen, dass sie/er nicht auch einmal auf Unterstützungsleistungen in verschiedensten Bereichen angewiesen sein wird, sei es durch einen Unfall oder eine andere Krankheit. Nicht erst seit der Corona-Pandemie leben wir als zerbrechliche Wesen auf unserem Planeten Erde, der selbst immer mehr an seine Grenzen stößt.

Das sind keine „angenehmen Erfahrungen“, aber sie verleihen meinem Leben mehr Weite und Tiefe. Beides empfinde ich als großen Reichtum für mein Leben. Unser Schöpfergott traut uns positive Veränderungen zu, immer wieder und in aller Freiheit. Er zählt auf uns Menschen, dass wir – Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf – solidarisch und inklusiv miteinander leben.

Wenn dieses solidarische Miteinander im Kleinen gelingt, kann das der Same sein für globale Veränderungen hin zum Guten. Ein slw-Leitsatz, den ich zum Anschluss noch zitieren möchte, drückt diese Kraft der Veränderung sehr prophetisch aus: „Wir werden alles ändern, wenn es dem Menschen hilfreich ist.“ Darin sehe ich auch unser Steyler Missionsverständnis verwirklicht. Denn, dass wir alle miteinander verbunden sind, ist uns spätestens seit der Amazonien-Synode besonders bewusst, die im Oktober 2019 im Vatikan stattgefunden hat.

Vielleicht freut es mich deshalb so sehr, im Team des slw mitarbeiten zu dürfen.

Sr. Christina Blätterbinder SSpS

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