Eine Kultur des Friedens

von Br. Bill Firman, FSC

EINLEITUNG

Ich war von der Bitte fasziniert, über das Thema „Eine Kultur des Friedens“ nachzudenken. Irgendwie schien es doch etwas ironisch zu sein, denn seit 2009 lebe ich im Süd-Sudan und habe beobachtet, wie das Land sich von einem „freudigen Optimismus“, als die Menschen im Jahr 2011 für die Unabhängigkeit ihres Landes abstimmten, jetzt in einen Zustand der Gewalt, der Unsicherheit, einen wirtschaftlichen Zerfall und unzähligen hungernden Menschen verwandelt hat. Bis zum Ausbruch der Gewalt im Dezember 2013 herrschten Gesetz und Ordnung, und die Stämme schienen zu lernen, ganz friedlich nebeneinander zu leben. Eine nationale Identität als südsudanesisches Volk entstand, und ein neuer Wohlstand schien wahrscheinlich zu sein. Der Süd-Sudan war ressourcenreich: eine rasche Verbesserung des Lebensstandards wurde erwartet.

Seitdem habe ich beobachtet und gelernt, was passiert, wenn Führer ihre Macht zum persönlichen Nutzen, dem ihrer Verwandten und ihrer ethnischen Gruppe missbrauchen und wenn menschliches Verhalten sich in unmenschliche Behandlung anderer verwandelt. Ein sudanesischer lokaler Schriftsteller, Jacob Lagu, warnte, dass Gewalt im Süd-Sudan Gemeinschaften polarisiere, und sagte:

„Krieg ist ein schmutziges Geschäft. Unweigerlich degradiert er uns alle. Er vermindert unsere Menschlichkeit so beharrlich, wie wir unsere Gegner entmenschlichen. Wir sind alle in widersprüchliche Opfergeschichten gefangen. Jede Seite glaubt von ganzem Herzen, dass sie Opfer von Ungerechtigkeit sind. Jede Seite glaubt, dass ihr Gegner der reuelose Aggressor ist. Was diesen Sachverhalt besonders gefährlich macht, ist Tribalismus. Der führt dazu, dass wir eine Person mit ihrer Stammeszugehörigkeit verbinden, wenn nicht sogar gleichsetzen. Er hat die Unterscheidung zwischen „ihnen“ und „uns“ verschärft. Das hat zum tragischen Unglück der kollektiven Strafe geführt“, sagte er.

Lagus Worte können heute auf die Situation in vielen Ländern angewendet werden. Ich lade Sie ein, nicht nur auf den Süd-Sudan zu schauen, sondern mehr darüber nachzudenken, was wir tun können, um eine Kultur des Friedens zu entwickeln.
 

SEHEN: Auf der Suche nach Frieden

Globale Konfliktsituation
Die zehnte Ausgabe (2016) des Globalen Friedensindex (GPI) zeigt, dass die Welt 2015 friedloser wurde. Zugegebenermaßen haben sich mehrere Länder etwas verbessert. Das waren 81, aber 79 verschlechterten sich.
Da die Größe der Verschlechterungen größer war als die der Verbesserungen, gab es im globalen Durchschnitt einen
Rückgang. Weltweiter Frieden ist ein komplexes Bild. Die Mehrheit der globalen Verschlechterung trat im Nahen
Osten und Afrika auf; das ist die bereits am wenigsten friedliche Region in der Welt. So intensiv ist die aktuelle
Konzentration von Gewalt und Konflikt in MENA (Mittlere Osten und Afrika), dass, wenn separat betrachtet,
der Rest des weltweit durchschnittlichen Friedensniveaus sich verbessert hat.

Anstieg des Terrorismus
Während Todesfälle bei Konflikten von großer Bedeutung im Nahen Osten und in Afrika sind, ist das eine Fläche
von weniger als einem Sechstel der Erde. In der Tat, mit dem Ende des Bürgerkrieges in Kolumbien2016 ist die
westliche Hemisphäre frei von großen Konflikten. Aber die Verbreitung des Terrorismus in vielen Ländern und der
Anstieg der barbarischen Praktiken wie Enthauptungen ist sehr beunruhigend.

Frieden ist möglich
Frieden kann manchmal ein zu weit entferntes Ziel sein, aber denken Sie ein paar Jahrhunderte zurück oder sogar,
in einigen Fällen, ein paar Jahrzehnte: Italien war kein vereinigtes Land, sondern bestand aus unabhängigen und
kriegsführenden Staaten; Amerika erlebte einen Bürgerkrieg, in dem die Versklavung der Farbigen ein bedeutendes Thema
war; Frankreich hatte eine blutige Revolution, in der das Volk gegen die Aristokratie kämpfte; Südafrika wurde von
einer Apartheid Politik der Trennungen regiert; Frieden zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland schien
ein unerreichbares Ziel zu sein; Ost- und Westdeutschland wurde durch die Berliner Mauer geteilt; und so geht die
Liste weiter. Süd-Sudan ist die jüngste Nation der Welt, eine Nation mit dem geringsten Bildungsstandard, der
schlechtesten Gesundheitsversorgung und den niedrigsten Lebensstandards. Das Land hat jahrelange Konflikte
und Spaltungen erduldet; aber es gibt Hoffnung. Andere Länder wurden aus verworrenen Konflikten und ethnischen
Spaltungen geschmiedet. Warum nicht auch der Süd-Sudan? Hoffnung wird der nächsten Generation von Bürgern entspringen, bei der wir aber sicherstellen müssen, dass diese besser ausgebildet sind.
 

URTEILEN: Die christliche Tradition der Friedensbemühungen

Es gibt Menschen, wie der verstorbene Christopher Hitchens, die argumentiert haben, dass das Judentum und das Christentum implizit gewalttätig sind, weil sie aus von Gewalt durchdrungenen Texten entspringen. Solche Kritiker zitieren Deuteronomium 7, wo Gott der Befehl zum Völkermord am Volk Kanaans zugeschrieben wird, und das neutestamentliche Buch der Offenbarung, das kataklysmische Gewalt gegen die Feinde Gottes und den Messias Gottes darstellt. Und wir würden wenigstens einen Augenblick zögern, wenn wir diese Aussage Jesu betrachten: „Glaubt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Trotz dieser gelegentlichen Widersprüche und Unklarheiten brauchen Christen, die der Bibel treu sind, eine Interpretation, die auf den Text als Ganzes und insbesondere auf das Leben und die Botschaft Jesu Christi zurückgreift. Eine wichtige direkte Aussage von Jesus findet sich in Matthäus, Kapitel 5: „Gesegnet sind die Friedensstifter, denn sie sollen Kinder Gottes heißen.

Gottes Versprechen, bei uns zu sein, ermutigt uns. In Jesaja 41,10 lesen wir: „Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir … Ich bin dein Gott. Ich werde dich stärken und dir helfen.“ Jesu letzte Worte an seine Jünger in Matthäus 28 waren: „Und erinnere dich, ich bin immer bei dir.“ Und in Johannes 14: „Lass eure Herzen sich nicht beunruhigen und lass sie sich nicht fürchten.“

Gerechtigkeit ist ein wichtiges Ziel der religiösen Friedensförderung. Wir lesen in Psalm 85: „Frieden und Gerechtigkeit werden einander küssen.“ Frieden kann nicht dauerhaft sein, es sei denn, die Vereinbarung ist als etwas zu sehen, das denen Gerechtigkeit verschafft, die sich benachteiligt fühlen. Über zwei Jahrtausende gab es grundsätzlich zwei Modelle
für den christlichen Friedensaufbau: „Pazifismus“ und „gerechter Krieg“. Der Pazifismus war die Haltung der frühen Kirchenväter. Tertullian, ein Lehrer aus dem dritten Jahrhundert aus Nordafrika, sagte, dass die Christen dem Befehl Jesu zur Gewaltlosigkeit buchstäblich folgen sollten. Sie sollten nicht der Aggression oder Verfolgung widerstehen, und sie sollten nicht im Militär oder in der Polizei dienen. Diese Idee ging verloren, als das Römische Reich christlich wurde. Sie wurde nicht wiederbelebt, bis die Wiedertäufer in der Reformation erschienen. Die Mennoniten und dann die Quäker bekräftigten, was sie als Befehl Jesu betrachteten, um die Teilnahme an Gewalt abzulehnen und den Wehrdienst zu verweigern.

Augustinus und Thomas von Aquin wählten einen ganz anderen Weg. Sie sagten, der Gebrauch von Gewalt sei nur zulässig, wenn es darum ging, Aggression zu bestrafen und den Frieden wiederherzustellen. Die Form des „gerechten Krieges“ ist nach wie vor der Ansatz der römisch-katholischen Kirche. Aber die Idee des „gerechten Krieges“ bietet grundsätzlich eine Anleitung für den Staat, für die Staats- und Regierungschefs und vielleicht für die Milizführer. Sie gibt christlichen Führern nicht viel Anleitung, wenn diese versuchen, Gewalt zu stoppen.

Keines dieser friedenserhaltenden Modelle gibt Anleitungen für Aktivisten in der christlichen Friedensarbeit. In den vergangenen zwanzig Jahren ist ein neues Modell entstanden. Es nennt sich „Gerechter Friedenseinsatz“ oder in einigen Kreisen nur „Gerechter Frieden“. Dieses Modell beruft sich stark auf die Bibel, insbesondere auf die ‚Konfliktbearbeitungsinitiativen‘ Jesu als unsere grundlegende Handlungsplattform. Es stützt sich auch auf die Erfahrung des 20. Jahrhunderts mit Führern wie Gandhi und Martin Luther King Junior, die einen gewaltfreien Widerstand gegen gewalttätige Repression mobilisierten. Es beruft sich auf verschiedene Formen der Befreiungstheologie als eine grundlegende Botschaft des Evangeliums - die Behauptung, dass Jesus Christus ein Befreier war, dessen grundlegende Botschaft lautete, den Armen und Unterdrückten Befreiung zu bringen. Darüber hinaus greift es auf international anerkannte Menschenrechtsnormen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zurück.

Ein wesentliches Merkmal des Modells für den Einsatz um einen „gerechten Frieden“ ist das Beharren auf der Zusammenarbeit mit anderen aufrechten oder rechtschaffenen Personen in der Gesellschaft. Es fordert die christlichen
Führer ausdrücklich auf, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. Der Einsatz für einen gerechten Frieden richtet sich unter normalen Umständen nicht gegen die Regierung, aber er muss seine Fähigkeit für eine prophetische Distanz von der Regierung und die Möglichkeit zur Lobbyarbeit bewahren, um seinem Mentor, Jesus Christus, treu zu sein.

Der Einsatz für einen gerechten Frieden ist sich bewusst, dass Frieden kein einfacher Endzustand ist. Jede ausgehandelte Vereinbarung, die einen Krieg beendet, muss mittel- und langfristig unterstützt werden.

• Sie muss durch die Förderung der Achtung der Menschenrechte unterstützt werden.

• Sie muss durch die Förderung einer fairen Vertretung der beteiligten Gruppen durch einen einigermaßen demokratischen
Prozess unterstützt werden.

• Ein Friedenszustand muss auch wirtschaftlich unterstützt werden. Frieden wird wahrscheinlich nicht überleben, wenn die normale Wirtschaftstätigkeit nicht wiederhergestellt wird und wenn der wirtschaftliche Nutzen nicht einigermaßen gerecht von den Konfliktparteien geteilt wird. Die Bevölkerung muss in der Regel fühlen, dass sie einen Anteil am Frieden hat, weil sie dadurch eine realistische Hoffnung auf Verbesserung in ihrem Leben hat.

B10. Verweisen Sie auf die Botschaft von Papst Franziskus zum 50. Weltfriedenstag am 1. Januar 2017 – „Gewaltlosigkeit: Stil der Politik für den Frieden“.
 

HANDELN: Definition unserer Antwort

Die Strukturen einer friedlichen Gesellschaft
Das Verstehen warum einige Länder friedlich sind und andere nicht, ist zutiefst komplex. Viele Faktoren tragen zur
friedlichen Stabilität bei. Ein stabiler Frieden wächst aus der Akzeptanz der beiderseitigen Menschenrechte und der
Anerkennung der Grundwürde eines jeden Menschen. Wenn Sie einen oder mehrere dieser Verknüpfungsfaktoren entfernen, wird das gesellschaftliche Gefüge zerbrechlicher.

In Ländern, in denen es eine sehr ungleiche Verteilung der Ressourcen gibt - eine reiche Oberschicht und eine arme Mehrheit - kann ein instabiler Frieden für eine Zeit auferlegt werden, aber ein dauerhafter Frieden ist weniger wahrscheinlich. Indikatoren der Instabilität sind:

• Ein hohes Maß an Korruption
• Staatliche Zensur
• Unterdrückung von Kritik
• Diktatorische Regierung
• Zerfall der Wirtschaft
• Aberkennung der Menschenrechte

Frage 1. Wie können Ordensleute Vermittler/Instrumente des Friedens sein?

Eine Kultur des Friedens leben
Ich kam 2009 in einen relativ friedlichen und stabilen Süd-Sudan. Jetzt ist der Süd-Sudan eines der am wenigsten sicheren Länder der Welt. Eine Steyler Missionarin, Sr. Veronika, wurde im Mai 2016 erschossen und getötet. Andere Ordensleute sind Raub, Gewalt und Gewaltandrohungen ausgesetzt worden. Aber in dieser schwierigen Situation haben die Ordensleute
vielleicht mehr zu bieten als in stabilen Zeiten. Die Menschen wissen, dass wir gehen können, aber sie sind ermutigt, wenn wir uns entscheiden, bei ihnen zu bleiben. Jesu Worte an Petrus im Garten von Getsemani, „Konntest du nicht eine Stunde mit mir wachen?“, gewinnen eine neue Bedeutung. Wir werden aufgefordert, unseren christlichen Glauben zu leben. So schrieb der Metropolitan, Erzbischof von Süd-Sudan, Paolino Lukudu Loro: ‚Seid stark und guten Mutes, weil der Herr, unser Gott, in diesem schwierigen Moment bei uns ist.‘

Sr. Veronika SSpS gab ihr Leben, um den Menschen im Süd-Sudan zu helfen. Sie schrieb:

Kürzlich fragte mich jemand, warum ich unter solchen Umständen hier bleibe. Warum - weil Jesus seinen Weg weiter ging und nicht aufgab, als es schwierig wurde. Er akzeptierte Leiden und Entbehrungen, und er trug das Kreuz bis zum Ende. Er blieb dem Willen des Vaters gehorsam. Er stand immer an der Seite der Menschen. Er hat sie nicht im Stich gelassen. Er war sogar bereit, zu sterben, weil er sie liebte. Als Jüngerin Jesu gehe ich durch die Kraft des Heiligen Geistes in den Fußspuren Jesu. Ich kann die Menschen im Süd-Sudan nicht verlassen, denn ich liebe sie. Sie sind froh und dankbar, dass wir bei ihnen bleiben, mit ihnen beten und mit ihnen zusammenarbeiten, um dieses junge und zerbrechliche Land aufzubauen. Die Menschen brauchen unsere Unterstützung, unser Gebet und unsere Hilfe. An diesem Punkt möchte ich mich bei allen bedanken, die uns mit ihren Gebeten, Opfern und Finanzen unterstützt haben. Wir sind aufgerufen, ein Zeichen der Hoffnung zu sein, besonders in der Zeit der Dunkelheit. Gott wird uns nie verlassen, weil er unser Emmanuel – unser Gott-mit-uns – ist.

Man kann eine Kultur des Friedens inmitten der schwierigsten Umstände aufrechterhalten, wenn man weiß, was für uns wichtig ist. Eine prägnante Ermahnung ist für mich das Sprichwort: ‚Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut.‘ Ein chinesisches Sprichwort lautet:

„Wenn es Licht in der Seele gibt, wird es Schönheit in der Person geben.
Wenn es Schönheit in der Person gibt, wird es Harmonie im Haus geben.
Wenn es Harmonie im Haus gibt, wird es Ordnung in der Nation geben.
Wenn es Ordnung in der Nation gibt, wird es Frieden in der Welt geben.“

Frage 2. Wie schaffen und leben wir eine Kultur des Friedens?

Übersetzt von Sr. Christel Daun SSpS

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