Südsudan, Sr. Veronika Theresia
Yei - Republik Südsudan: Vieles ist anders - nach 55 Kriegsjahren...
"Früher lebte ich in einer Familie. Aber wegen des Krieges sind die Familien hier zerstreut worden - die Väter wurden Soldaten und gingen zur Armee, Mütter und Kinder versteckten sich im Busch im Sudan oder lebten als Heimatvertriebene in Uganda, im Kongo oder anderen Ländern in Flüchtlingslagern. Dort kümmerte sich die katholische
Kirche, besonders die Priester, um Nahrung, Unterricht und geistliche Bedürfnisse. Viele Menschen wurden aufgrund dieser Erfahrung katholisch. Als der Krieg vor 6 Jahren endete, kamen die Menschen wieder in den Südsudan zurück. Langsam begannen die Familien wieder neu aufzuleben. Wegen der Vertreibung während des Krieges und der Polygamie, haben die Männer gewöhnlich mehrere Frauen und viele Kinder. 2,5 bezahlten die Freiheit, der wir uns jetzt nach dem Unabhängigkeitstag am 9. Juli 2011 im Südsudan erfreuen, mit ihrem Leben. Viele Kinder sind noch zum Unterricht in Uganda, weil dort das Bildungssystem besser entwickelt und organisiert ist. Sie leben getrennt von ihren Eltern und kommen nur in den Ferien nach Haus. Viele Frauen sind allein mit
den Kindern, weil die Väter gestorben oder anderswo sind. Viele Kinder kennen ihre Väter überhaupt nicht. Auch Krankheiten, die mit einem Stigma behaftet sind, wie Lepra oder HIV/AIDS oder TB, wirken sich negativ auf das Familienleben aus. Die Familien setzten Menschen mit diesen Krankheiten aus Angst oder Glaubensüberzeugung aus. Nach dem Referendum kamen noch mehr Familien aus dem Nordsudan oder den Unruhegebieten im nördlichen Teil des Südsudans in den Südsudan zurück. Die Regierung versprach ihnen Hilfe, aber es ist nicht leicht, alles gleichzeitig zu tun.
Einige dieser Leute haben Glück, da sie Verwandte hier haben, die ihnen helfen können. Es gibt aber auch Menschen, die niemanden haben und die deshalb von Null anfangen müssen."
Am 9.Juli entstand eine neue Nation. Die Republik Südsudan feierte inmitten von Jubelliedern, Tränen der Dankbarkeit, lächelnd und lachend ihren Unabhängigkeitstag. Unsere Schwestern in Yei und in Wau waren Zeuginnen dieses historischen Augenblicks. Unsere SSpS-Kommunität Yei schreibt über die ersten Monate der neuen Nation und bat drei Sudanesen, sich auch dazu zu äußern. Täglich begegnen wir diesen Menschen. Wir hören diese Geschichten oft. Ihre Anwesenheit fordert uns auf, unsere Herzen zu öffnen, um Teil ihrer/unserer Familie zu werden und unsere Liebe, unsere Nahrung, unseren Dienst mit ihnen zu teilen. Als Kommunität werden wir so Teil dieser Großfamilie. Unser Dasein bei ihnen und unser Teilen mit ihnen bereichern und beglücken uns, denn wir knüpfen Beziehungen als Familie Gottes
Wir sind alle eins in Jesus, der uns vereint und uns beglückt, wenn wir unser Leben und unsere Sendung mit einander teilen. Wir sind nicht mehr Fremde, sondern Brüder und Schwestern in Gottes Familie. Gott ist es, der uns hierher gebracht hat, Gott ist es, der uns vereint, Gott ist es, der uns herausfordert und Gott ist es, der allem Sinn verleiht.
Oft fühlen wir uns als ob wir bei Nacht auf rauer See segeln, während starke Winde uns umtosen. Aber wir hören Jesu Stimme, die sagt: „Nur Mut! Ich bin es!" Und so machen wir weiter, nicht auf festem Boden, sondern immer noch auf dem Wasser. Wir machen weiter, weil wir seine Stimme gehört haben, und er auf uns zukommt. Wir sind bereit, seinetwegen und wegen seiner Liebe für dieses Volk, das soviel gelitten hat, viele Herausforderungen anzunehmen und dürfen sehen, dass neue Lebensmöglichkeiten entstehen! Wir sind dem Herrn stets dankbar für sein Vertrauen und seine immerwährende Gegenwart.
Sr. Veronika Theresia Rácková (Übersetzung SSpS),
Dezember 2011